Sonntag, 4. März 2018

Tatort: Waldlust - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalkdabei.


Die Sekretärin der Ludwigshafener Mordkommission Edith Keller (Annalena Schmidt) meint, dass ihr Team ein professionelles Coaching vertragen könnte. Sie bucht Zimmer im weit abgelegenen Hotel Lorenzhof und engagiert den Teambuilding-Trainer Simon Fröhlich (Peter Trabner, Rechtsmediziner im Dresdner "Tatort"). Im Laufe eines Wochenendes soll er die Kommunikation zwischen Keller, Rechtsmediziner Peter Becker (Peter Espeloer) sowie den Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) verbessern. Bei ihrer Ankunft wundern sich die Ermittler über das seltsame Verhalten der Hotelbesitzer. Bert "Humpe" Lorenz (Heiko Pinkowski) will die Polizisten so schnell es geht los werden. Seine sprunghafte Nichte Dorothee (Eva Bay) zeigt selbstzerstörerische Tendenzen. Während des Abendessens findet Fröhlich einen menschlichen Zehenknochen im vegetarischen Gemüseragout. Der kriminalistische Spürsinn der vier Ermittler ist geweckt. Bei einer Onlinerecherche stößt Stern auf die blutige Geschichte des Lorenzhofes. 1991 hatte Bert Lorenz dort seine Schwägerin getötet. Sein Bruder ist seit diesem Tag verschwunden. Nach einer 15-jährigen Haftstrafe kehrte "Humpe" zurück und übernahm das Hotel zusammen mit seiner verwaisten Nichte. Nach einer Reihe unheimlicher Geschehnisse sind sich die Kommissarinnen sicher: Jemand will verhindern, dass der alte Mordfall neu aufgerollt wird.


Konfuses Krimidinner mit Beigeschmack 

"Lena-Odenthal-Tatort" - Teamarbeit?
Foto: SWR
Im Februar 2017 wurde "Babbeldasch", der erste Improvisations-"Tatort", gesendet. Die Kritiken waren vernichtend - sowohl von Rezensenten als auch vom Publikum. Bei uns ist er ebenfalls unter den Top 6 der schlechtesten Sonntagskrimis im letzten Jahr gelandet (hier geht es zu unserem Rückblick der 2016/2017-Saison). Zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung war der Nachfolger "Waldlust" bereits abgedreht - wieder nur nach einem groben Ablaufplan, während alle Dialoge von den Schauspielern spontan improvisiert wurden. Die gute Nachricht zuerst: Der zweite Versuch ist signifikant besser als der erste. Im Vergleich zu den brillanten Fällen der letzten Wochen, "Déjà-vu" und "Tollwut" beispielsweise, wirkt "Waldlust" trotzdem nur wie ein billiges Krimidinner. Kein Wunder also, dass Lena Odenthal den Zehenknochen im Abendessen für den Einstieg in ein Krimi-Rollenspiel hält. In der ersten Hälfte ist das besonders deutlich zu merken. Die Schauspieler haben sichtlich Probleme damit, ein Gespräch interessant und relevant zu halten. Viele Dialoge drehen sich im Kreis, weil jeder nur das bestätigt, was die Person davor gesagt hat. Außerdem vergessen die Darsteller Rollennamen und können sich das Kichern zum Teil nicht verkneifen. Professionell ist das nicht, dafür ziemlich amüsant. Ich habe mich besser unterhalten gefühlt und deutlich häufiger gelacht, als beim Weimarer "Tatort: Der kalte Fritte" vor drei Wochen. Dazu kommt der Enthusiasmus der Hauptdarsteller. Ulrike Folkerts, Peter Espeloer und Lisa Bitter wirken gelöst und haben sichtlich Spaß an dem ungewöhnlichen Dreh. Letztere scheint nicht einmal zu schauspielern, sondern schlicht realistisch auf die Ereignisse zu reagieren. In der zweiten Hälfte des Krimis läuft das Improvisieren dann deutlich flüssiger und die Dialoge sind zielführender. 
Stern (l.) hat Alkohol für sich & die Kollegen geklaut 
Foto: SWR/Martin Furch
Von der Handlung kann das nicht gesagt werden. Sie ist völlig haltlos und konstruiert. Das zeigt sich am besten beim eigentlichen Kern der Geschichte (Odenthal: "Ich weiß nicht, was dieses Coaching bringen soll, muss ich mal ganz ehrlich thematisieren. (...) Warum sind wir hier?"). Es wird so oft hinterfragt, warum die vier Ermittler zum Lorenzhof gefahren sind, dass die Schauspieler wohl selbst verzweifelt nach einer logischen Erklärung gesucht haben. Im Seminar beschwert sich Frau Keller zwar leidenschaftlich über die Probleme im Team, von denen bekommt der Zuschauer aber nichts zu sehen. Die vier lachen und singen gemeinsam, teilen sich auf Sterns Hotelzimmer eine Flasche geklauten Schnaps und halten bei den Ermittlungen zusammen. Von fehlender Kommunikation oder Konflikten ist nichts zu spüren. Außerdem ist die Zusammensetzung realitätsfern: Zwei Ermittlerinnen, ihre Sekretärin und ein Rechtsmediziner sind innerhalb einer Mordkommission nicht wirklich ein geschlossenes Team. Es bleibt zudem ein ungelöstes Rätsel, wieso Frau Keller sich nicht gewundert hat, dass zwei fremde Menschen getrennt voneinander bei ihr anrufen: Der eine bietet ihrem Team ein Coaching an, der andere Hotelzimmer. Zudem ist der Mordfall sehr konstruiert. Spätestens, als Becker unter seiner Tür eine Schatzkarte findet und nachts oben ohne im Keller des Hotels buddelt, ist es mit der Seriosität definitiv vorbei. Den Ermittlern fallen alle Hinweise vor die Füße und es ist früh absehbar, wer hinter den unheimlichen Vorkommnissen steckt. Regisseur Axel Ranisch, der bereits "Babbeldasch" inszeniert hat, erzählte der BILD-Zeitung: "Die Schauspieler wussten nicht, wer der oder die Mörder sind. Eine Schauspielerin kam allerdings nach der Hälfte der Drehtage darauf wer der Mörder ist." Ich denke, dass die meisten Zuschauer schon vor 21 Uhr ahnen werden, was 1991 und 2018 im Lorenzhof geschehen ist.


Vom Zickenkrieg zur dicken Freundschaft

Vielleicht hält Tai Chi den freilaufenden Mörder fern
Foto: SWR/Martin Furch
Noch vor wenigen Folgen hätte das Team aus Ludwigshafen ein Coaching gut gebrauchen können. Lena Odenthal und Johanna Stern waren auf Krawall gebürstet, ihr Kollege Mario Kopper hielt sich nicht nur aus den Streitigkeiten, sondern auch aus den Ermittlungen heraus. In der letzten Folge "Kopper" ist er ausgestiegen, was überhaupt nicht auffällt. Ich habe sein Fehlen erst registriert, als während des Seminars die unbesetzte Stelle angesprochen wurde. Lena und Johanna harmonieren inzwischen so perfekt, dass der italienischstämmige Polizist wirklich nicht mehr in die Geschichte gepasst hätte. Das kleine Highlight von "Waldlust" ist jedoch Rechtsmediziner Becker. Seine knappen Oneliner sind klasse. Als vor ihm eine Leiche mit Brotmesser im Rücken liegt, bemerkt er trocken: "Mit dem Messer habe ich heut' Morgen noch a Brötchen aufgeschnitte'." Sekretärin Keller schafft es hingegen nicht, sich dem Tempo des Falls anzupassen - weder in den lustigen, noch den spannenden Szenen. Sie wirkt deplatziert und reagiert unglaubwürdig. In einer Sequenz macht sie draußen Tai Chi (Ist ja nicht so, als würde ein Mörder frei herumlaufen...), als Seminarleiter Fröhlich hinter ihr nackt in den Schnee springt und sich darin herumwälzt. Das ist an sich schon sehr seltsam und ziellos, aber ihre Antwort ist fast noch schräger. Anstelle ihn zu fragen, ob es ihm gut geht oder was das soll, verkündet sie: "Diese frisch verschneite Landschaft, gell, die lässt die Stille der Dinge erklingen." Die Episodencharaktere sind noch eine Spur verrückter. Bert und Doro Lorenz handeln überhaupt nicht rational, wodurch es unmöglich ist, sich in sie hineinzuversetzen. Viele Mysterien, die die beiden umgeben, werden nicht aufgeklärt. Ihr einziger Gast, mit Ausnahme der vier Ermittler, ist Lilo Viadot (Ruth Bickelhaupt, Großmutter des Regisseurs), die kaum etwas sagt und auch sonst keine wirkliche Rolle in der Geschichte einnimmt. Alle drei wirken nicht wie reale Menschen, sondern wie aus der Zeit gefallene Spukfiguren in einem Horrorfilm. Passend zu diesem Szenario: der Straßen blockierende Schnee, die durchtrennten Telefonleitungen und die ums Haus schleichenden Gestalten. Im Gegensatz zum Frankfurter "Tatort: Fürchte dich" ist "Waldlust" jedoch nicht wirklich gruselig - mit Ausnahme eines Jump Scares. Nur der Schnitt (Susanne Heller) ist wirklich unheimlich: Gegenstände werden plötzlich von einer anderen Person gehalten, Charaktere stehen innerhalb eines Wimpernschlags an der gegenüberliegenden Seite des Raums...

Fazit

"Waldlust" ist eine deutliche Verbesserung zum ersten Improvisations-Krimi "Babbeldasch". Dennoch rangiert dieser "Tatort" im unteren Mittelfeld. Das liegt hauptsächlich an der kruden Handlung, die sich nicht wirklich auf ein Genre festlegen kann und auf lauter Ungereimtheiten fußt. Die Episodencharaktere sind zu undurchschaubar und schräg, um eine Beziehung zu ihnen aufzubauen oder ihre Motivation nachvollziehen zu können. Das gilt ebenfalls für den Mörder, der zwar vorhersehbar ist, dessen Geschichte jedoch nur spärlich beleuchtet wird. Trotz der vielen Schwächen ist "Waldlust" dennoch unterhaltsam. Die Spielfreude der Hauptdarsteller ist ansteckend und die teils sehr schrägen Dialoge sind witzig - wenn auch ungewollt. Der Weggang von Kopper entpuppt sich als Vorteil, da die beiden Kommissarinnen ein wirklich gutes Team ergeben. Trotzdem reichen vorerst zwei Improvisations-Krimis.


In der nächsten Woche geht das Bremer Ermittlerteam auf Verbrecherjagd. In "Im toten Winkel" sehen sich die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) mit der harten Realität des deutschen Pflegesystems konfrontiert. Sie müssen herausfinden, inwieweit ein Rentner schuldfähig ist, der seine demenzkranke Frau getötet hat.

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